MUSEUM ON THE COUCH im SS 16

Reflexionen im Museum

8 Installationen | 8 theoretische Fragen | 8 wichtige Einsichten

 

Die Ausstellung zeigt eine Zusammenarbeit des GRASSI Museums für Völkerkunde und dem Institut für Ethnologie der Universität Leipzig. Ziel ist es, eine Experimentierfläche innerhalb des ethnologischen Museums zu ermöglichen; einen Raum zu schaffen, in dem praktische Lösungen gesucht und diese dem Museumspublikum präsentiert werden. Es soll ein Ort entstehen, an dem eine konstruktive Gegenüberstellung von ethnologischer Theorie und Praxis getestet wird.

Die Ausstellung war im GRASSI Museum für Völkerkunde zu sehen.

 


1 HÖRBAR. Sprachen zwischen... Sinn, Zeit und Raum

Sprache ist ein wichtiges Element jeder menschlichen Gemeinschaft. Auch wenn ich eine fremde Sprache nicht verstehe, kann ich sie hören, Rhythmus, Melodie und Klangfarbe auf mich wirken lassen. Sprache kann Emotionen transportieren, soziale Interaktionen fassbarer machen. Sprache kann sinnlich erlebt werden ohne die Bedeutung eines Wortes zu verstehen. Sprache überdauert Orte und Zeiten, lebt durch Konstanten, Akzente und Veränderungen. Dies ist eine Einladung zu hören und zu fühlen und darüber nachzudenken, wie fremd klingt und was fremd bedeuten könnte... Diese Collage aus Sprachen greift den Begriff fremd wieder auf. Zum einen in Bezug auf die vorherige Fremd-Ausstellung und zum anderen wegen der ständigen Interaktion mit Fremden sowohl im Museum als auch in Forschung und Alltag. Dabei fließen Ideen zum Fremden, die innerhalb und außerhalb des Museums gesammelt wurden, ein. Inspiriert von der scheinbaren Sprachlosigkeit der Objekte und der Stille im Museum ist dies ein Versuch Sprachen zu erfahren, sich hineinzuhören, mit oder ohne zu verstehen.

JACQUELINE EHMS

 

2 The Grassi Museum. And beyond?

Öffne die Augen: Ethnographische Objekte gibt es überall zu entdecken! In der Fußgängerzone, im Bahnhof, in den Stadtvierteln. Wozu also noch ins Museum gehen, wenn man in einem Restaurant indisch essen, indische Musik hören und indische Objekte anschauen kann?
Doch was ist der Unterschied zwischen Restaurant und Museum? Wer zeigt ethnographische Objekte wie und warum? Wie wird „Indien" im Museum und im Restaurant konstruiert und inszeniert? Was ist Authentizität? Und wer ist überhaupt dazu legitimiert, „Kultur" auszustellen?

CHRISTINE FAGET

 

3 Eisenbahnstraße. Eine Strecke liegt immer ZWISCHEN zwei Punkten.

Die Videoinstallation, die das Leipziger Phänomen Eisenbahnstraße vorstellt, projiziert die Strecke zwischen Friedrich-List-Platz und Torgauer Platz. Die Aufnahmen, in Verbindung mit dem Kartenmaterial, sind Gleichnisse des facettenreichen Lebens der Straße. Entlang der Schaufensterpromenade tummeln sich verschiedenste soziale Gruppierungen und deren Berufsfelder. Ein Stück gelebte Urbanität.

Urbanität. Die Verschmelzung von Wohnen, Arbeiten und Erholung. Das Alltagsleben findet gleichermaßen in der Öffentlichkeit und in der Privatheit statt. Die Ergebnisse sozialer Prozesse werden lesbar. Die Anonymität der Stadt ist die Voraussetzung dafür, dass abweichendes Verhalten seine Nischen findet. Die Stadt als Ort des konfusen Unbekannten, der Begegnung mit dem Fremden: eben darin liegt die Chance neue Erfahrungen zu machen. Die starren Straßenbahngleise bilden das Pendant zum quirligen Leben auf der Straße. Zusammen mit den Visitenkarten ist das Videomaterial in der Lage, Gefühle und Gedanken hervorzurufen.

CHANTAL SCHÖPP

 

4 Reflexive Beobachtungen

Das Anliegen dieser Installation ist es, bei den Besuchern ein Gefühl des Unbehagens hervorzurufen, sich in der eigenen Privatsphäre, zu Hause mit gewohnten Objekten, beobachtet zu fühlen. Die Installation hinterfragt den ethischen Rahmen einer ethnologischen Ausstellung, die das alltägliche Leben untersuchter Bevölkerungsgruppen mit persönlichen Objekten darstellt. Die Installation verkehrt die Rollen: Die BesucherInnen nehmen hinter der Vitrine Platz. Sie werden als ein beobachtetes Objekt zwischen anderen Objekten Teil der Ausstellung. Die BesucherInnen werden zum Exotischen. Die Fremden treten ihren Beobachtern gegenüber. Die Besucher können sich fragen, ob die Objekte, die sie umgeben, ihr alltägliches Leben, ihre Kultur, repräsentieren.
Bitte nehmen Sie Platz.
 

NATACHA FOURNIER

 

5 Yo no sé mañana (Was weiß ich von morgen). Besuch einer Tourismus-Messe

Die Photographien zeigen wie andere Orte an einem anderen Ort inszeniert werden. Der Blick richtet sich auf die hergestellten Beziehungen zwischen den photographischen Bildern und Objekten innerhalb der Inszenierung als auch auf Standortabhängigkeiten der Perspektive. Das einzelne Display ragt über sich hinaus und steht in Beziehung zu seiner Umgebung. Durch den Transfer dieser Photographienins Museum für Völkerkunde wird diese Praxis der Inszenierung anderer Welten mit der hiesigen im Raum des Museums konfrontiert.Auf der Tourismus-Messe bilden die häu gen Naturdarstellungen einen Ort der Sehnsucht, der v. a. für Städter von Bedeutung ist. Im Museum wird eine spezi sche Kultur in Einheitmit ihrer spezifischen Natur gezeigt. So wird der ‚Andere' des westlichen Selbst, gebannt in einen Naturzustand, erschaffen. In welcher Beziehungsteht das zu eigenen Imaginationen? Die kreierten Unterschiede sindan Bewertungshierarchien und Machtassymetrien gebunden. Diese Repräsentationen stammen nicht einfach von der Welt da draußen, sondern sind verbunden mit den großen Teilungen Kultur/Natur, europäisch/außer-europäisch, bzw. modern/nicht-modern, wovondas Museum für Völkerkunde Teilist. Dies wird auch sichtbar in der räumlichen Aufteilung des Hauseshier, das GRASSI unterteilt in Museum für Völkerkunde und Museum für angewandte Kunst.

ANNA LAUENSTEIN

 

6 Dekorporation

Figurinen sind visuelle Manifestationen von Ausstellungsnarrativen, die phänotypische Unterschiede, physische Stereotype „des Fremden" darstellen und so zur Kreation, Verfestigung, Reproduktion und Hervorhebung von Klischees beitragen. Der Körper dient der Illustration einer (Illusion von) Kultur. Er ist Embodiment eines existierenden Konzepts oder Stereotyps, das die eigentliche „Kultur", auf der diese basiert, ersetzt. Soziokulturelle Interpretationen jenes Körperkonzepts sind manipulierbar, insbesondere wenn es mit kulturellen Konzepten ver ochten ist. Assoziationen von Besuchern sind potenziell anders, als die intendierte Erzählung. Das Museum als Institution hat die Verfügungs- und die Deutungsmacht eben dieser Narrativen; ein Fakt, mit dem kein transparenter kritischer Umgang stattfindet.
Körper sprechen nicht nur für sich selbst, sondern sie werden je nach Ausstellungskontext interpretiert. Den Körper zu entfernen bedeutet, auch die Illusion von Haut(-farbe) und Gesichtsausdruck zu entfernen und führt zu einer Dekonstruktion des Blicks: des Blicks, der körperliche Charakteristika nicht mehr als anders oder fremd fixieren kann.
LAURA BREUER

 

7 Das Eigene im Fremden - Das Fremde im Eigenen

Dadurch dass du anders bist als ich selbst, ist es erst möglich zu erfahren wie und wer wir selbst eigentlich sind. Das bedeutet, wir benötigen Differenz, um selbst zu sein und dass Unterschiede bereichernd sind. Die Ethnologie stellt sich immer wieder die Frage nach den Grenzen der Übersetzbarkeit verschiedener Perspektiven, Erlebniswelten und Sprachen. Wie weit ist es möglich, die eine Welt für eine Andere zu übersetzen? Wie ist sie eigentlich, die eigene Kultur. Und wie ist es möglich, einen Blick von außen auf sich selber zu werfen? Ein sich-näher-kommen durch Emotionsvokabular aus aller Welt und einen distanzierten Blick auf die eigene Kultur durch Karikaturen zeigt uns wie viel Gemeinsamkeiten Mensch hat und das die Suche nach dem „Fremden" in uns selbst beginnt und endet.
JULIA WICHMANN

 

8 Sounds der Tortilla-Macherinnen

‚But what of the ethnographic ear?' (Veit Erlmann 2004)
Im hiesigen ethnographischen Museum können vor allem materielle Objekte Anhaltspunkte für die individuellen Gedankenspiele und Vorstellungen von unbekannten Situationen und Kontexten geben. Texte ohne erkennbare AutorenInnen zeigen eine mögliche Kontextualisierung der Objekte auf. Durch die Alleinstellung der Texte und die Anonymität der Autorin wirken die Texte als dominante Sprachrohre einer Wissensposition, die als positivistische und allwissende Wahrheit wahrgenommen werden kann. Was wäre das Museum ohne materielle Objekte und erklärende Texte? Wie können Einblicke in vielschichtige Forschungssituationen gegeben werden? Kann ein spezifischer Sound Mittelpunkt einer ethnographischen Betrachtung und einer musealen Inszenierung sein? Was ist in einer Sound-Collage von einem Objekt hörbar? Welche Aspekte der Forschungssituation bleiben ungehört? Was verändert sich, wenn die Forscherin ihre Aufnahme-Position verändert? Gleichzeitigkeit. Flüchtigkeit. Dialog. Position. Nähe. Distanz. Intimität?
LENA LÖHR

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