Neue Märkte der Entwicklung

Neue Märkte der Entwicklung. Erfahrungen mit Krankheit und Heilung im Rahmen einer neuen Krankenversicherung für Arme im städtischen und ländlichen Indien (DFG, Ursula Rao, 2014-2017)

Dieses Projekt untersucht die sozialen und kulturellen Folgen einer 2009 neu eingeführten Krankenversicherung für Arme in Indien (RSBY, Rashtriya Swasthya Bima Yojana, wörtlich: Nationales Krankenversicherungsprogramm). Die Versicherung soll unter der Armutsgrenze lebende Menschen vor wirtschaftlicher Verelendung durch Krankheit bewahren. Sie bietet zu diesem Zweck eine Absicherung für stationäre Krankenhausaufenthalte bis zu einem Höchstsatz von 30,000 Rupien (420 €) im Jahr an. Arme können in Krisenzeiten nun überfüllte staatliche Kliniken meiden und haben direkten Zugang zu hochwertiger Behandlung in privaten Krankenhäusern, allerdings um den Preis der Mitverantwortung für ethisch schwierige Entscheidungen über den bestmöglichen Einsatz einer sehr begrenzten Ressource.

Das Geld reicht oft nicht für alle Familienmitglieder und Operationen können auch schnell teurer werden als der gedeckelte Anspruch. Während die Strukturen der Versicherung, die Verfahren ihrer Umsetzung und die Gründe für das gewählte Format weitgehend bekannt sind, bleiben Fragen nach den sozialen und kulturellen Folgen bisher unbeantwortet.

Als ethnologisches Unternehmen privilegiert das Projekt die Perspektive von Begünstigten. Es untersucht die Erfahrungen von Krankheit und Heilung, die sich mit der neuen Initiative verbinden. Wie verändert RSBY lokale Verständnisse von Gesundheit und Körper? Welche neuen Gesundheitspraktiken etablieren sich? Wie beeinflusst die Versicherung Geschlechterbeziehungen und ökonomische Abwägungen in Haushalten? Durch den Vergleich der Erfahrungen in strukturschwachen ländlichen Regionen (Chhattisgarh, Orissa) und im urbanen Zentrum (Delhi) entsteht ein differenziertes Bild von Aneignungspraxen. Ihre Reflexion führt zu Erkenntnissen über den kulturellen Umgang mit Krankheit und befördert die kritische Diskussion entwicklungspolitischer Fragen.

RSBY ist heute die weltweit größte Versicherung und wird als Meilenstein der Entwicklung gefeiert. Eine fundierte Reflektion ihrer Effekte liefert wichtige Erkenntnisse für die informierte Weiterentwicklung von Reformen im medizinischen Markt. Durch die Beobachtung und „dichte Beschreibung" konkreter sozialer Praktiken entsteht ein differenziertes Bild auch der unvorhergesehenen Folgen, neuen Paradoxien und sozialen Konflikte. Konzeptionell führt dies zu Erkenntnissen über Erfahrung von Solidarität und sozialer Absicherung im Rahmen „neuer Märkte". Wie verändern sich im Zuge der Gesundheitsreform Bilder von Staatlichkeit und Bürgerrechten? Die Antwort auf diese Frage verspricht die Weiterentwicklung aktueller ethnologischer Debatten über die Entstehung neuer Subjektpositionen im Zeitalter der Markthegemonie.

Sekretariat

Annette Halbig

Tel 0341 97 37 220
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Öffnungszeiten:
Mo-Do 11-16 Uhr
ACHTUNG: von 11. - 27.
August geschlossen

Direktorin

Ursula Rao

(0341) 97 37 221 
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Institut für Ethnologie
Schillerstraße 6
04109 Leipzig

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